Die Magie der menschlichen Stimme
Am Anfang ist die Stimme: Der erste Schrei des Neugeborenen markiert das Ankommen in der Welt.

Neugeborene können zunächst kaum sehen, sie müssen sich die Welt über Fühlen und Hören erobern. Vom ersten Schrei bis zum ersten Wort dauert es nur wenige Monate – bis dahin entscheidet die Umwelt darüber, ob das Kind arabische Kehllaute sprechen wird oder vier Tonfarben jedes Vokals wie im Chinesischen – oder ob es künftig noch ein R aussprechen kann. Obwohl der Stimmapparat alle menschlichen Laute erzeugen kann, imitiert das Kind nur, was es hört, und hört auf, jene Laute zu benutzen, die es nicht hört.
Schon unsere Vorfahren nutzten die vielfältigen Möglichkeiten der menschlichen Stimme, als sie begannen, sich auf der Erde auszubreiten. Sie imitierten Tierlaute, um Beute anzulocken, die Sprache holte sie aus der Isolation des Einzelnen und schuf ein Gefühl von Gemeinschaft. Mit der Sprache begann die Kultur, der Ruf und der Gesang waren da, bevor die ersten Zeichen in Stein gehauen oder in Tierhäute geritzt wurden.
Die Stimme hat ihre Bedeutung für das Zusammenleben der Menschen bis heute nicht verloren. Die Stimme ist unser unverzichtbarer PR-Agent – ihr Klang kann über Sympathie oder Ablehnung entscheiden. Dabei gibt es auch hier Modeerscheinungen und kulturelle Eigenarten. So sprechen einige Nationen unterhalb ihrer normalen Stimmlage, andere darüber. In den 50er und 60er Jahren galten hohe und piepsige Frauenstimmen als besonders weiblich und anziehend, aber bitte nicht öffentlich: In Radio und Fernsehen wurden sie nicht gesendet. Heute gibt es zwar genauso viele weibliche Radio- und Fernsehstimmen wie männliche, als „sendbar“ gelten aber eher tiefe, warme Stimmen. Piepsstimmen dagegen sind gleichbedeutend mit Ulk und Komödie.
Wie eine menschliche Stimme klingt, hängt von vielen Faktoren ab, die Stimmbänder sind nur einer von vielen. Hinzu kommen Form und Zustand von Kehlkopf und Lunge, Atemgewohnheiten, die Lage und Spannung des Zwerchfells, sogar die Stellung der Zähne. Das erklärt, warum es keine zwei gleichen Stimmen gibt: Jede ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck.
Dieser Klang, zusammengesetzt aus Grund- und Obertönen, ist mehr als eine Frequenzkurve: Die Stimme eines vertrauten Menschen, und sei es am Telefon, vermag Einsamkeit zu lindern und ein Gefühl von Heimat zu vermitteln. Aber sie kann ihren Träger auch „verraten“, natürlich ohne Absicht: Freude und Ärger, Langeweile und Angst lassen sich am Klang der Stimme ablesen. Ärger zum Beispiel schließt die Stimmlippen des Kehlkopfes abrupt und erzeugt einen starken Impuls, die Töne im mittleren und hohen Frequenzbereich klingen schärfer. Die Stimme eines traurigen Gesprächspartners dagegen klingt gedämpft, da die Stimmlippen weicher und ungenauer zusammenschlagen.
Für Schauspieler ist die Stimme die Hälfte des Kapitals. Sie kann, richtig eingesetzt, noch den Zuschauer in den letzten Reihen in den Bann ziehen. Auch im Kino füllen Stimmen Säle: Der Erfolg von Animationsfilmen hängt nicht zuletzt auch davon ab, welcher Schauspieler den künstlichen Figuren mit seiner Stimme Leben einhaucht. Für einen Sänger ist die Stimme Werkzeug und Markenzeichen gleichermaßen. So verdankte Frank Sinatra, dem sein kluger PR-Berater den Beinamen „The Voice“ gab, seinen Erfolg nicht zuletzt seiner unverwechselbaren Stimme – einer Stimme, die jedes noch so banale Lied adelte.
Die Grundtöne der menschlichen Stimme liegen im Bereich von 100–400 Hertz, die Obertöne bis 5.000 Hertz. Unser Ohr dagegen nimmt weit mehr wahr – von 16 bis 20.000 Hertz. Mikrofone, Kopfhörer und Monitor-Lautsprecher gehen sogar noch weit über diese Frequenzen hinaus, denn: Jede Stimme und die meisten Instrumente verfügen über Obertöne, die wir nicht bewusst hören, aber als Klangraum wahrnehmen. Ob etwa eine Sängerstimme als „schön“ empfunden wird, hängt wesentlich von diesen unbewussten Tönen ab und davon, wie große Sänger wie Anna Netrebko, Freddie Mercury, Annie Lennox oder eben Frank Sinatra damit umgehen. Ohne diese großzügigen Frequenzräume klänge Maria Callas wie ein platter Badewannensopran. Oder noch schlimmer: Wer möchte schon, bei allem Respekt für die Erfindung von Herrn Bell, einem Sänger zuhören, der klingt, als würde er in ein Telefon singen?
Grundton/Oberton
Als Grundton bezeichnet man in der Musik den ersten Ton einer Tonleiter, nach dem diese benannt wird, beispielsweise C-Dur mit dem Grundton C. Der Grundton kann aber auch der tiefste Ton eines Akkords sein oder in der Akustik der tiefste Ton eines Tongemisches, das einen Klang bildet. Natürliche Schallquellen erzeugen nur selten reine Töne. Neben dem Grundton wird meist noch eine Vielzahl an Teiltönen produziert, die über dem Grundton liegen. Diese so genannten Obertöne bestimmen die Klangfarbe einer Schallquelle, den charakteristischen Klang eines Instrumentes oder einer Stimme.