Die Tonspur des Lebens
Genau wie Musik beeinflussen Naturgeräusche die Stimmung des Menschen. Tonkünstler kreieren damit Überraschendes und Entspannendes …
Im Sommer 1994 schwappte das Meer über den Arc de Triomphe: Der Klangkünstler Bill Fontana hatte das Bauwerk mit Dutzenden von versteckten Lautsprechern versehen und übertrug mit Mikrofonen und Hydrofonen live das Tosen der Brandung an der Küste der Normandie in die französische Metropole. Der Arc de Triomphe, Zentrum eines viel befahrenen, innerstädtischen Kreisverkehrs und von Autos und ihren Fahrgeräuschen umflutet, war mit einem Mal scheinbar in Stille gehüllt. „Vom Straßenverkehr war nichts mehr zu hören“, sagte Fontana, „denn das Geräusch des Meeres ist natürliches weißes Rauschen und hat die psychoakustische Fähigkeit, andere Geräusche zu überdecken, nicht weil es lauter ist, sondern wegen seiner harmonischen Komplexität.“ Weißes Rauschen, so Fontana weiter, sei für ihn ein Geräusch der Ewigkeit, ein Geräusch, das seit Millionen von Jahren erklingt.
Die Geräusche und Klänge der Natur besitzen eine große Wirkung auf die Stimmungslage der Menschen: Vogelgezwitscher, das Plätschern der Wellen, das Tosen des Sturms, das Knistern eines Feuers, Regen, der gegen das Fenster prasselt – all diese Geräusche können Fernweh wecken, Melancholie oder Demut, sie stimmen uns fröhlich oder traurig, vermitteln uns das Gefühl von Geborgenheit, Ruhe und Harmonie, sie stärken uns und bringen uns näher zu uns selbst. Naturgeräusche sind deshalb integraler Bestandteil von Entspannungsmusik.
Fauchende Vulkane und schwatzende Flüsse
Für ihn verschwimmen die Grenzen zwischen Naturgeräuschen und Musik: Der Musiker und Filmkomponist Andreas Bick führt seit vielen Jahren eine Art akustisches Tagebuch; im Alltag und auf Reisen fängt er die Geräusche der Umgebung ein und konserviert sie. Ein akustisches Archiv, das ihm erlaubt, beim Wiederhören vergangene Momente samt der damit verbundenen Gefühle wieder aufleben zu lassen – die Tonspur seines Lebens, aufgeladen mit emotionaler Erinnerung.
„Die Welt“, sagt Bick, „wurde zum akustischen Steinbruch und je ferner der Ort, je weiter die Distanz zur Zivilisation, umso größer das Versprechen einer noch intensiveren Hörerfahrung. Ich lauschte dem Fauchen und Atmen eines Vulkans, hörte das Donnern kalbender Gletscher und erlebte in der Wüste die absolute Stille. Die rhythmischen Gesänge der Zikaden, Heuschrecken und Frösche klangen in meinen Ohren wie der vibrierende Herzschlag der Erde und es war, als ob ich der Natur beim schöpferischen Träumen zuhören durfte. Für mich bestand kein Unterschied mehr zwischen den Tönen der Natur und der Musik des Menschen.“ Auch in seinen eigenen Kompositionen greift Bick immer wieder auf die Geräusche der Natur zurück; das Tropfen von Wasser, Heuschreckenlaute und Froschgesänge klingen in seinen Liedern.
Auch die Literatur weiß um die Kraft der Natur, wenn es darum geht, Stimmungen zu erzeugen oder abzubilden. Naturbeschreibungen dienen häufig als Metaebene, sie beschreiben die emotionale und psychische Verfassung der Protagonisten oder symbolisieren Konflikte. Die Klänge der Natur transportieren emotionale Botschaften sogar in der bloßen Beschreibung. Vor allem die vielfältigen Geräusche der See tönen in den Werken von Lyrikern und Romanciers gleichermaßen.
Der Autor Kenneth Grahame hat die Möglichkeit der Stimmungskomposition durch Naturgeräusche in seinem wunderbaren Kinderbuchklassiker „Der Wind in den Weiden“ virtuos genutzt. Als sein Held, der kleine Maulwurf, im Frühling seinen Bau verlässt und zum ersten Mal einen Fluss sieht, heißt es: „Er rauschte und strudelte, schwatzte und blubberte. Der Maulwurf war bezaubert, verhext und sehr angetan. Er trabte am Fluss entlang wie jemand, der noch sehr klein ist, neben jemandem einhertrabt, der einem atemberaubende Geschichten erzählt. Als er schließlich erschöpft war, setze er sich ans Ufer und lauschte dem Fluss, der weiter mit ihm schwatzte: ein plappernder Aufmarsch der besten Geschichten der Welt.“ Besser kann man den Zauber des Frühlingserwachens, Lebensfreude und Neugier auf die Welt kaum in Worte fassen.