Sennheiser

Die Gralshüter der Akustik

Was ist Musik? Mehr als Töne, mehr als die Summe von Rhythmen, Melodien und Harmonien. Musik wirkt nicht nur auf die Ohren, sie stimuliert Geist, Körper und Seele; Musik ist Gefühlsverstärker, Identitätsstifter, Zeitmaschine. „Bilder so wie Leidenschaften“, schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe in den Elegien II, „mögen gern am Liede haften.“

 

Audiophile, zusammengesetzt aus dem lateinischen Wort für hören, „audire“ und dem griechischen „philos“, Freund, sind die Gralshüter unter den leidenschaftlichen Musikfreunden – diese das Hören liebenden Menschen haben sich der Suche nach höchstem Hörgenuss und damit der Perfektionierung der Musikwiedergabe verschrieben. Sie treten der fortschreitenden musikalischen Verwahrlosung der Welt entgegen, die permanente Berieselung in Kaufhäusern und Restaurants, auf unterstem klanglichen Niveau, ist diesen Menschen ein Gräuel, eine Vergewaltigung des Kulturgutes Musik. Sie wollen die Leidenschaft in der Musik wiederfinden und im Klang das Gute und Reine. „Wer nie bei Musik geweint hat“, drückt es ein bekennender Audiophiler aus, „versteht auch nicht, was High-End ist.“ Johann Wolfgang von Goethe würde ihm wohl beipflichten – in Trilogie der Leidenschaften schreibt er: „Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen, verpflicht zu Millionen Tön´ um Töne, des Menschen Wesen durch und durch zu dringen, zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne: Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen den Götterwert der Töne wie der Tränen.“

 

Seidige Höhen, knackiger Bass

Ihren Anfang nahm die Bewegung vor rund dreißig Jahren, damals waren es perfektionistische Tüftler, die mit dem Klang ihrer HiFi-Anlagen unzufrieden waren und im Privaten an ihren Geräten schraubten und löteten. Rund eine Million Musikbegeisterte zählt die High-End-Bewegung heute; Audiophile treffen sich auf eigenen Messen, um über straffe Bässe, seidige Höhen, klein- und großräumige Tiefenstaffelung, stehende Wellen oder Störfrequenzen zu diskutieren; Hersteller versorgen die Klangperfektionisten mit immer weiter entwickelten, edel verarbeiteten High-End-Geräten, oft zum Preis eines Kleinwagens, und bieten für Laien exotisch anmutendes Zubehör wie Stromreinigungsfilter, armdicke, goldbeschichtete Kabel oder einen 8000-Watt-Generator für die hauseigene Erzeugung von unverschmutztem Strom. Fachzeitschriften testen audiophile Netzleisten, mehrere Hundert Euro teure Geschwister der ordinären Baumarktleiste für fünf Euro, und ihren Einfluss auf die Klangwiedergabe.

 

Kernanspruch der Audiophilie ist die originäre Wiedergabe der im Studio oder live eingespielten Musik, daher sind zum Beispiel Höhen- oder Tiefenregler an Verstärkern verpönt. Große Bedeutung kommt den Mikrofonen zu, denn sie sind das erste Glied in der Aufnahmekette und somit entscheidend für die Qualität der Wiedergabe. Besondere Anforderungen werden in der Welt der Audiophilie auch an Kopfhörer gestellt. Bei einem Kopfhörer wirkt der Klang direkt auf den Gehörgang und nicht wie beim natürlichen Hören auf den gesamten Kopf. Da zudem die Ohrmuscheln, entscheidende Glieder in der Kette des Hörens, sozusagen außer Kraft gesetzt sind, kann vor allem der natürliche Raumklang nur mit ausgefeilten technischen Mitteln erreicht werden. Mit keinem geringeren Anspruch als den besten Kopfhörer der Welt zu bauen, sind die Sennheiser-Entwickler an ihren „Orpheus“ herangegangen. 1991 stellen sie den Elektrostaten mit edlem Röhrenvorverstärker der Öffentlichkeit vor – und treffen ins Schwarze. Auch bei dynamischen Kopfhörern wird gefeilt und gelauscht, bis so edle und naturnah reproduzierende Modelle entstehen wie zuletzt der HD 650.

 

Perfektion und Leidenschaft

Wenn Leidenschaft den Menschen treibt, neigt er zu Extremen: Audiophile lassen ihr Bass-Exponentialhorn beim Hausbau in die Wände ihres Wohnzimmers einbetonieren und arrangieren alle Zimmer um ihre High-End-Anlage, andere versetzen Wände und ganze Räume innerhalb des Hauses in dem Bemühen, die optimale Akustik zu erreichen. Von ihrer Umwelt werden solche Klangperfektionisten häufig belächelt; in einer Welt, in der ein 300.000 Euro teurer Luxuswagen ein sozial anerkanntes Statussymbol ist, gilt der Besitzer einer 200.000 Euro teuren High-End-Anlage immer noch als sonderlicher Kauz. Den Audiophilen ist das egal, für sie ist die perfekte Reproduktion von Musik oft in gleichem Maße Wissenschaft wie Religion. Die Objektivisten unter ihnen verlangen messbare Belege für den Nutzen von Innovationen und Zusatzgeräten, die Subjektivisten verlassen sich einzig auf ihre Ohren, es spielt keine Rolle, ob eine Klangverbesserung auf dem Papier nachweisbar ist. Audiophile hören Dinge, auf die Otto Normallauscher nicht achtet – oder die ihm gänzlich verborgen bleiben. Wie bei einem Gemälde, auf dem der Kunstexperte eine Fülle von Details deutet, die dem durchschnittlichen Museumsbesucher entgehen. Und so stehen viele Menschen einfach nur staunend (oder kopfschüttelnd) vor für sie mystischem, audiophilem Gerät: vor goldenen Klangschalen, die, im Raum verteilt, durch ihre Schwingungen den Singstimmen mehr Körper verleihen, oder vor dem Raum-Animateur, der die Luftmoleküle in einer Weise anordnet, die den Raumklang entscheidend verbessert. Leidenschaft für die Musik und der Traum von der perfekten Wiedergabe lassen Audiophile in Klangdimensionen vorstoßen, die dem Durchschnittshörer wohl auf immer verborgen bleiben …

 

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